Verussziit | Vom Sandstrand zur Klippe

Verussziit | Vom Sandstrand zur Klippe

Samstag, August 8, 2026

Über traumhafte Sandstrände und Klippen, endlose Agrarfelder und Frustration

📏 144km, ↗ 1’380m, ↘ 1’340m, 🗓️ 21. - 30. Juli

Weiter südlich, entlang endloser Sandstrände

Es ist sieben Minuten nach sieben Uhr, ich erwache und bleibe vorerst noch etwas im Bett liegen, während Doris noch schläft. Letzte Nacht durften wir durch ein unerwartetes Upgrade in einem riesigen Zelt übernachten. Bettwäsche war da nicht inklusive, doch für uns ja kein Problem, da wir Hüttenschlafsack und Quilt sowieso dabei haben.

Später frühstücken wir und ich versuche mich an einem Haarzopf an Doris' Haaren. Denn ihr sind die offenen Haaren bei den warmen Temperaturen am Nacken ein Graus. Das Ergebnis meines ersten Zopfes war, wie ich finde, mässig und hat noch grosses Potential nach oben, doch vorerst reicht es wunderbar aus.

Nach dem Frühstück starten wir und sind nach zwei Minuten bereits wieder am Strand. Heute sind es gemütlich elf Kilometer, alles dem Strand entlang bis zur nächsten Kleinstadt. Dort haben wir ein Zimmer gebucht und wollen die Annehmlichkeiten einer Stadt sowie den Nachmittag geniessen.

Der Untergrund ist teils hart und dann mal wieder weich, was uns mal schneller und dann wieder langsamer vorankommen lässt. Doch eine Konstante ist auf unserer Seite, der Wind. Er gibt uns Unterstützung von hinten. Kurz nach Mittag treffen wir an unserem Ziel ein und gönnen uns eine Pizza französischer Art, also mit Creme-Fraiche anstatt Tomate als Basis - eine Art Flammkuchen nur mit Pizza Teig.

Am Nachmittag beziehen wir unser Zimmer und besuchen den nahegelegenen Waschsalon. Denn unsere Kleider vertragen nach rund einer Woche wieder eine ordentliche Wäsche und riechen entsprechend.

Mit herrlich duftenden Kleidern und einem Lächeln im Gesicht verlassen wir den Waschsalon und hängen die noch feuchten Kleider im Zimmer zum Trocknen auf.

Am Abend kaufen wir ein, geniessen den Abend am Strand und planen später die nächsten Tage. Doch leider will die Planung nicht wie wir wollen. Irgendwann finden wir dann doch eine passable Lösung und verschieben die Detailplanung auf den nächsten Morgen.

Beim Frühstück, welches wir aus unserem Vorrat im Zimmer geniessen, diskutieren wir über die Möglichkeiten für die nächsten Tage. Denn das Schwierige ist, wie auch schon die letzten Tage, einfache und passable Plätze für unser Zelt zu finden. Hier an der Küste ist beinahe alles auf den motorisierten Tourismus ausgelegt. Heisst, für Wandernde oder Velo-Tourenfahrer mit Zelt gibt es sehr wenige Plätze. Und falls es Plätze gibt, dann zahlt man teilweise über fünfunddreissig Euro für einen Platz pro Nacht. Für eine Nacht mit unserem Zelt finden wir das doch zu teuer. Denn wir brauchen keine Schwimmbäder, Abendunterhaltungen, Bistro oder sonstige touristische Massnahmen. 

Doch zu unserem Glück gibt es die “Municipal Campings” - das sind kommunale Campingplätze, mit einfachen Einrichtungen, die von Gemeinden gepflegt werden. Für zwei Personen kann man dort eine Nacht für rund fünfzehn Euro sein Zelt aufschlagen, duschen und Toiletten benutzen. Der maximale Luxus, den wir unterwegs benötigen. Einziger Haken, diese Plätze sind meistens etwas weg von der Küste.

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Ein Biwak - also eine Nacht unter freiem Himmel oder in einem leichten, kleinen Zelt, von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang - wäre für uns auch eine Möglichkeit. Dies ist teilweise offiziell für Wandernde nahe einem GR erlaubt oder wird geduldet. Doch für uns ist klar, dass wir dies nur tun, wenn wir die Möglichkeit haben, unentdeckt zu bleiben, und das ist in der Hochsaison an der Küste und den dahinterliegenden, endlosen Agrar-Feldern sehr schwierig. Das ist auch der Grund, warum wir dies bis anhin unterlassen haben.

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Schlussendlich entscheiden wir, dass wir die nächsten beiden Tage unseren Schlafplatz etwas weg von der Küste wählen und tagsüber dennoch an der wunderbaren Küste entlang wandern.

Kurz vor halb neun Uhr morgens ziehen wir los. Heute geht's um die lokale Bucht “Baie d’Authie” und dann in den regionalen Naturpark “Baie de Somme”. Bereits nach kurzer Zeit entdecken wir draussen auf einer Sandbank Robben, die sich sonnen und im Wasser planschen oder jagen. Letzteres können wir aus der Ferne nicht beurteilen. Später führt uns der Weg wieder über traumhaft endlose Sandstrände und eine faszinierende Wattbucht.

Wir streifen weiter durch Salzwiesen - das sind Zonen, die oft nur bei einer Springflut unter Wasser stehen. So hat die dortige Vegetation genügend Zeit, um zu wachsen und zu gedeihen. - Dort entdecken wir bereits aus der Ferne eine riesige violette Fläche. Neugierig nähern wir uns und durchqueren die hier natürlich wachsenden violetten Pflanzen. Wie sich später herausstellt, handelt es sich um Strandflieder, das besonders beliebt für Trockensträusse ist.

Gegen Mittag rasten wir unter schattenspenden Bäumen, kochen uns eine Suppe und füllen unsere Wasserreserven bei einem nahegelegenen Wasserhahn an einem alten Hafen auf.

Nach rund vierundzwanzig Kilometer erreichen wir unser Nachtlager, richten uns ein und kochen unser Abendessen.

Der nächste Morgen startet kühl. Denn kurz vor Sonnenaufgang zeigte das Thermometer rund dreizehn Grad an. Wir warten mit unserem Frühstück bis sich die Sonne zeigt und ziehen danach los. Unser erstes Ziel heute: ein kleines Dorf an der Küste, wo wir für die nächsten vierundzwanzig Stunden in einem kleinen Laden unseren Vorrat aufstocken. Denn ab morgen Mittag sind wir in einer Kleinstadt, wo wir nach genau zehn Tagen endlich zwei Ruhetage einlegen werden.

Nach dem Einkauf laufen wir direkt Richtung Küste, die wir bereits nach wenigen Minuten erreichen und biegen dort an den Strand ab. Mit dem Wind im Rücken, den Dünen links und die Wellen rechts von uns, geht’s bei Ebbe und herrlichen Temperaturen entlang dem Sandstrand.

Entlang dem Strand begegnen wir einigen Joggern und Spaziergängern, die, wie wir die frische Seeluft geniessen. Nebenbei beobachten wir gespannt, wie das Prozedere der professionellen Muschel-Fischer vonstattengeht. Gerne hätten wir Näheres erfahren, doch sehen wir davon ab, die wenigen hundert Meter hin zum Meer zu laufen, um die dort arbeitenden Fischer zu fragen, wie das genau funktioniert. Eigentlich schade, wie wir später finden! Dennoch, Doris und ich unterhalten uns noch lange über die Muschel-Fischer und nehmen irgendwann den Weg hinein in die Dünen und weg vom Meer.

Gegen vier Uhr Nachmittags erreichen wir völlig verschwitzt und ausgepowert vom Wandern auf dem Sand das kleine Dörfchen, wo wir direkt auf den ausgesuchten Municipal Camping zusteuern.

Wir finden ein super Plätzchen unter einer Trauerweide und geniessen den späten Nachmittag gemeinsam im Gras, während ich noch meine Nutella Reserven für mein Frühstück umfülle.

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Mein Frühstück habe ich direkt von der Via-Alpina ohne zu hinterfragen übernommen. Zum Frühstück gibt's für mich Nutella mit Milchbrötchen oder Reiswaffeln. Damit ich das Nutella nicht im Glas mitschleppen muss, mache ich es warm - entweder im Wasserbad auf dem Kocher oder durch direkte Sonneneinstrahlung - anschliessend fülle ich das leicht flüssige Nutella in altes Erdnussbuttergefäss aus leichtem Plastik um.

Bisher schmeckte mir mein Frühstück wunderbar. Dennoch werde ich bald auf ein anderes umsteigen. Doch alles der Reihe nach. Warum und was das sein wird, sowie die Frage, was denn Doris zum Frühstück isst, erfahrt ihr in einem späteren Bericht.

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Kurz nach neun Uhr abends verkriechen wir uns in unser Zelt und ziehen unsere Kappen an, denn diese Nacht wirds wieder kühl. Wenige Minuten später schlafen wir müde und zufrieden ein.

Am nächsten Morgen ist unser Zelt voller Kondenswasser, innen wie aussen. Die hohe Luftfeuchtigkeit, die tiefen Temperaturen und der hohe Taupunkt führten dazu, dass sich Wasser am Zelt festsetzte. Doch unsere Ausrüstung blieb dank geschlossenem Zelt trocken. Mit den ersten Sonnenstrahlen, die uns erreichen, verschwinden die feinen Wassertröpfchen und alles trocknet innerhalb kürzester Zeit.

Heute Morgen haben wir eine zeitliche Führung. Denn die kommenden zwei Tagesetappen liegen zwar wunderbar abgeschieden, doch bieten sie uns nicht das, was wir gerade für zwei Ruhetage brauchen. So haben wir uns entschieden, diese beiden Tagesetappen mit Zug und Bus zu umgehen und in der nächsten Kleinstadt ein Appartement für zwei Nächte gebucht.

Nach rund zwei Stunden Fussmarsch treffen wir im nächsten Dorf am Bahnhof ein. Beim Warten am Perron beobachten wir einen Vater, der bei seiner Tochter ein Armband durchtrennen will, doch leider fehlt ihm das geeignete Werkzeug dazu. Wir bieten ihm unser kleines Schweizer Sackmesser an und kommen so mit ihm und der Tochter ins Gespräch.

Nach einer kurzen Zugfahrt steigen wir auf den Bus um und treffen nach rund zwanzig Minuten Reisezeit im Vorort von “Le Treport” in “Eu” ein, kaufen eine Kleinigkeit für unser Mittagessen und warten bei einem alten Hospiz im Park, bis wir unser Appartement am späteren Nachmittag beziehen können

Wenige Gehminuten vom Hospiz entfernt steigen wir kurz nach vier Uhr nachmittags eine schmale Treppe hinauf, in den Dachstock unserer Bleibe für die nächsten drei Nächte.

Zum Abendessen kochen wir uns ein herzhaftes Risotto mit Gemüse und geniessen das leckere Essen so richtig. Später duschen wir, freuen uns auf den morgigen Ruhetag und legen uns früh schlafen.

Der Samstag steht ganz im Zeichen von Ruhe und Erholung. Ich hole Brötchen in der nahegelegenen Bäckerei und Doris bleibt noch etwas liegen. Gemeinsam frühstücken wir, waschen unsere Kleider und laufen am späteren Nachmittag in den Supermarkt, um einzukaufen. Am Abend kochen wir, schreiben Blog, lesen, planen die nächsten Tage und lassen ihn gemütlich ausklingen.

Der zweite Ruhetag, lustigerweise ein Sonntag, läuft in etwa gleich gemütlich ab wie der gestrige Samstag, Hauptsache Ruhe und Erholung. Nach einem entspannten Vormittag nehmen wir am Nachmittag den Bus an die Küste nach “Le Treport” und lassen uns dort gemütlich durch die Stadt treiben, machen Sightseeing, nehmen das örtliche "Funiculaire" - das ist eine Standseilbahn die auf die Klippe hochfährt - und geniessen oben die atemberaubende Aussicht auf die Kleinstadt und hinaus aufs Meer.

Gegen Abend gönnen wir uns ein Abendessen in einem Restaurant und spazieren später gemütlich zurück zu unserem Appartement.

Den Klippen der Alabasterküste entlang

Nach zwei erholsamen Tagen starten wir entspannt und kurz vor zehn Uhr in den leicht bewölkten Vormittag. Zu Fuss geht's heute in südwestlicher Richtung, entlang der wunderbaren Alabasterküste. Zuerst nach “Le Treport", von wo wir über dreihundertfünfundsiebzig Treppenstufen hinauf auf die rund neunzig Meter höher gelegene Küste aufsteigen.

Entlang von endlosen Feldern wandern wir in der sengenden Sonne und mit leichtem, angenehmen Rückenwind der Küste entlang. Bis wir an der abfallenden Küste am frühen Nachmittag hinab ans Meer absteigen, um dort unseren Mittagsrast einzulegen.

Der Strand hier in der Normandie ist nicht mehr wie einst in der Gegend “Hauts-de-France” durch wunderbare Sandstrände gekennzeichnet, sondern durch einen typischen Steinstrand. Die Steine sind von Wind, Wellen und dem Wetter so abgerundet, dass Schritte darüber zwar anstrengend aber dennoch angenehm zu laufen sind. Wir lauschen den Wellen, wie sie jeweils ein spezielles Geräusch erzeugen, wenn sie sich ins Meer zurückziehen und geniessen unsere Mittagspause.

Kurz vor fünf Uhr treffen wir, mit der Hoffnung auf ein Schattenplätzchen, beim geplanten Campingplatz ein. Doch wie schon oft, weit und breit kein Schatten und wie bereits vermutet, nicht ausgelegt auf einfache Reisende wie wir. Doch immerhin gibt es hier keine überrissenen Preise. So beziehen wir unseren Platz, ruhen uns im wenigen Schatten, der uns eine kleine Hecke gibt, aus und bauen später unser Zelt auf.

Kurz vor dem Nachtessen flicke ich noch kurz die Flip-Flops von Doris, um anschliessend unsere hungrigen Mägen zu befriedigen.

Etwas unzufrieden über die Art und Weise, was für Möglichkeiten es für Wandernde hier gibt, ziehen wir uns ins Zelt zurück und gehen zu Bett.

Heute Morgen, Dienstag, starten wir etwas entnervt in den Tag. Gestern Abend war es noch lange laut. Zu alldem kommt noch hinzu, dass neben unserem Platz die ganze Nacht eine helle Lampe leuchtete und wir von einem erholsamen Schlaf weit entfernt sind.

Es breitet sich bei uns so langsam eine Art Frust über die Situation des einfachen Zeltens auf, den wir vor der Normandie nie hatten. Denn dort war unsere Situation irgendwie anders. Es scheint so, als hätten wir diese Gegend hier falsch eingeschätzt, denn sie ist touristischer als anfänglich gedacht. Das ist auch einer der Gründe, warum wir für heute Nacht eine kleine und preiswerte Wohnung in einem kleinen Reihenhaus mitten in einem Dorf gebucht haben, um der aktuell mässig befriedigenden Situation Entspannung zu geben.

Doch zuerst führen uns heute die Wege hinauf auf die Klippe über Wiesen und durch Wälder, immer entlang der senkrecht abfallenden Klippe.

Nach unserem Mittagsrast füllen wir noch kurz unsere Wasserreserven bei einem Friedhof auf und ziehen wieder weiter, in Richtung der gebuchten Unterkunft. Es geht auf und ab, immer entlang den Klippen der Alabasterküste. Vorbei an einem Kernkraftwerk mit zwei Reaktoren, das mit Meerwasser gekühlt wird und auf eine stolze elektrische Gesamtleistung von über zweitausendsiebenhundert Megawatt kommt. Was, wie ich später erfahre, zur mittleren Leistung eines AKW’s in Frankreich zählt.

Am frühen Abend treffen wir an unserem Ziel ein. Nach einer Dusche und unserem Abendessen, versuchen wir die ersten beiden Wandertage in der Normandie zu reflektieren. Uns gefällt die Gegend und der Wandel vom Sandstrand zu den Klippen, das ist unbestritten. Andererseits spüren wir, dass wir in einer Gegend laufen, die immer touristischer wird. Für die nächsten drei Tage haben wir drei Campings reserviert, um uns danach erneut neu zu positionieren und nicht vorschnell eine Planänderung zu initiieren, die sich dann als Kurzschluss Entscheid herausstellen könnte.

Nach einer einigermassen erholsamen Nacht, frühstücken wir, packen unsere Rucksäcke und verlassen um Punkt halb neun das Dorf.

Etwas müde und doch mit vollem Tatendrang führt es uns zurück an die Küste. Doris hat seit gestern Schmerzen im linken Bein, die nach kurzem Anlaufen wieder verschwinden.

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Ich kenne diesen Schmerz von meiner letztjährigen Via-Alpina und weiss, dass diese ernst zu nehmen sind und wir die Belastung herunterschrauben müssen, um langfristige Schmerzen oder gar Schäden vorzubeugen.

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Genau aus diesem Grund haben wir die heutige Tour so angepasst, dass wir einen Teil mit einer Zugfahrt von sechs Minuten überspringen und es so dann noch fünf Kilometer vom Bahnhof bis zum heutigen Tagesziel sind. So sparen wir rund sechs Kilometer, also rund anderthalb Stunden. Doch zuerst müssen wir die rund siebzehn Kilometer bis zum Bahnhof zu Fuss zurücklegen.

Kurz vor Mittag erreichen wir “Dieppe”, die Stadt, von der unser Zug am Nachmittag fährt. Etwas oberhalb des Fährhafens führt uns der Weg hinein in die Stadt. Wir bleiben kurz stehen und beobachten fasziniert die auslaufende Fähre, die sich unterwegs ins britische “Newhaven” macht. Wir füllen unsere Wasserreserven auf, kommen an einem Denkmal aus dem Zweiten Weltkrieg für gefallene kanadische Soldaten vorbei und kaufen noch etwas für unser Mittagessen ein.

Den Mittag verbringen wir unbequem vor einer Kirche, denn Sitzmöglichkeiten wie Parkbänke gibt es weit und breit keine. So unbequem wie unsere Sitzmöglichkeiten sind, ist auch die Stimmung zwischen Doris und mir. Angespannt und genervt verbringen wir den wohl bisher unentspannesten Mittagsrast. Doch Hunger alleine war nicht der Grund, mehr dazu erfahrt ihr im Nachklang.

Bevor der Zug fährt, machen wir noch ein wenig Sightseeing und klären die angespannte Situation von heute Mittag.

Die Stimmung verbessert sich etwas und so fahren wir eine Station mit dem regionalen Zug und laufen von dort ins nahegelegene Dorf, wo auf uns wieder eine kommunaler Camping wartet. Nachdem wir unser Nachtlager aufgeschlagen haben, versuchen wir unser Glück im Dorf. Entweder bei einem Schnellimbiss oder einem Pizzalieferdienst. Doch der Schnellimbiss hat Sommerurlaub und der Ein-Mann Pizzalieferdienst ist masslos überfordert, was zu Wartezeiten von über einer Stunde führt. Keine Option für uns, denn wir sind unglaublich hungrig!

So bleibt uns noch die Notlösung - aus unserem Vorrat, lötige Teigwaren zu kochen - oder im örtlichen Supermarkt etwas einzukaufen. Wir entscheiden uns für den Supermarkt und kochen uns das bisher erfüllendste Camping-Nachtessen. Karottensalat mit zwei Sorten Tortellini und Öl aus unserem Vorrat. Alles in allem rund ein Kilo Essen, welches wir unglaublich geniessen und im Nu verputzten. Es lässt uns auf die heutige Situation in der Stadt mit einem Lächeln zurück. 🙂

Später gönnen wir uns noch eine Frucht als Dessert und gehen entspannt und glücklich ins Bett.

Das Frühstück heute Morgen geniessen wir in der Morgensonne am Picknicktisch. Etwas später und mit gepackten Rucksäcken ziehen wir los. Heute erwarten uns etwas abseits von der Küste langweilige siebzehn Kilometer.

Der Weg, den wir nehmen, ist zur Hälfte des Tages ein altes Bahntrasse, welches zu einem Wander-Veloweg umfunktioniert wurde und an immer gleich aussehenden Feldern, die wir bereits die letzten Tage schon zu genüge zu Gesicht bekommen haben, entlang verläuft. Doris und ich setzten schon nach kurzer Zeit unsere Kopfhörer ein und lassen uns von unseren Hörbüchern ablenken.

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Das Schlimme an diesen schnurgeraden Wegen und den ebenen Flächen ist nicht der Weg selbst, sondern die Weitsicht. Bei normalem oder gutem Wetter kann es dann schon mal sein, dass eine durchschnittliche Sichtweite von rund zehn Kilometer möglich ist. Das heisst für uns, wir sehen bereits jetzt, wo wir in zweieinhalb Stunden sein werden. Wer weiss, wie sich das anfühlt, der kennt auch das dann vorherrschende Gefühl, einfach nicht vorwärts zu kommen.

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Unseren Mittagsrast legen wir an einem Bach ein. Ich koche mir eine Suppe und Doris snackt.

Der Nachmittag ist landschaftlich ähnlich wie der Vormittag. Stetiger Begleiter auch heute: unendlich lange Mais-, Korn-, Kartoffel-, Rüben- und Leinen-Felder. Einziger Unterschied: zwischendurch streifen wir an riesigen Anwesen vorbei, die früher einst Herzogen gehörten. Auch alte Bauernhöfe sind teils sehr romantisch in die Landschaft eingebettet und erinnern uns an Filmkulissen.

Gegen Mitte Nachmittag erreichen wir unser Tagesziel und lassen uns auf gemütlichen Stühlen im Schatten nieder. Später erkunden wir das kleine Dorf, das überall mit Sträussen aus Leinen-Stauden geschmückt ist. Wir erfahren viel Spannendes über die Leinsamen-Ernte sowie die vollständige Verwertung aller Teile der Leinen-Pflanze, wie beispielsweise die Herstellung von Leinenstoff. Bei der Rückkehr zu unserem Nachtlager entdecken wir eine Bar, die Doris besonders gefällt, aktuell jedoch leider geschlossen ist.

Nach unserer Rückkehr bereite ich unser Nachtessen zu und Doris erholt ihre müden Glieder im Schatten auf einem der bequemen Stühle. Sie hat sie sich ja so sehnlich einen Stuhl gewünscht.🙂

Später lassen wir den Abend mit mehreren Partien Tischtennis ausklingen, welche Doris klar dominiert und ziehen uns kurz vor Sonnenuntergang zurück.

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Nachklang

Die kurzzeitigen Anspannungen zwischen Doris und mir lagen übrigens, neben dem Hunger, auch daran, dass mich die Realität etwas frustrierte und nicht meinen Erwartungen entsprach - wie beispielsweise einfache Zeltplätze oder Shelters, sowie meine Leistungsorientiertheit - Auf Doris Seite war es schlichtweg die körperliche Erschöpfung sowie die Vorstellung auf weniger Tourismus. Doch unser Ziel war es ja weder leistungsorientiert unterwegs zu sein noch dem Tourismus auszuweichen. Es geht uns darum, langsam unterwegs zu sein sowie die Natur, das Leben und Dinge zu geniessen und zu entdecken, die uns unterwegs begegnen, egal wo wir sind und wie weit wir kommen. Schlussendlich sind wir dankbar, zeigen sich solche Ereignisse und erinnern uns an unser eigentliches Ziel.

Unser Appetit auf Gemüse und Früchte ist erstaunlich hoch. Wir empfinden es als Luxus, täglich frische Früchte oder Gemüse essen zu können. Wenn wir einen Laden betreten, freuen wir uns schon vor dem Eingang auf die dort angebotenen Früchte. Dies geht, wie wir finden, im Rauschen eines normalen Alltag irgendwie unter. Zudem sind wir erstaunt, wie zufrieden und glücklich ein einfaches Essen machen kann und wie selbstverständlich dies bei täglicher Verfügbarkeit erscheint.

Die Wahl Nordfrankreich gefällt uns, auch wenn die Gegend sehr touristisch und viel auf den motorisierten Tourismus ausgelegt ist. Was uns ja, wie einst erwähnt, etwas erstaunt, da es mehrere GR’s in der Gegend gibt. Hingegen ist uns auch bewusst, dass wir oder andere Wandernde eher eine Randerscheinung darstellen. Zudem kommt hinzu, dass der Zeitpunkt diese Gegend zu entdecken nicht schlechter sein könnte. Denn aktuell sind in Frankreich die “Grande Vacances", also die grossen Ferien von Anfang Juli bis Ende August. Dennoch, wir lassen uns treiben, ziehen weiter und freuen uns auf die nächsten Tage. Alles darf, nichts muss.

Bis dahin, wunderbare und herzliche Grüsse vom südlichen Ende der Alabasterküste ✌🏼

Doris & Sascha

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