Verussziit | Glamping, Busfahrten & Sightseeing

Verussziit | Glamping, Busfahrten & Sightseeing

Samstag, August 22, 2026

Karge Landschaften, Geschichte und Tourismus soweit das Auge reicht

📏 94km, ↗ 1’310m, ↘ 1’100m, 🗓️ 31. Juli - 09. August

Weiter entlang der Alabasterküste

Doris ist seit längerem wach und liest. Während die Sonne aufs Zelt brennt, wecken mich ihre wärmenden Sonnenstrahlen. Klingt sanft und angenehm, ist es jedoch heute nicht. Ich bin leicht mürrisch und habe schlecht geschlafen. Denn keine zwei Meter von unserem Zelt entfernt befindet sich eine Lampe, die die Nacht zum Tage macht. Trotz meines über den Kopf gezogenen Schlauchtuches war es zu hell, um angenehm zu schlafen. Auch Doris ist müde, doch schlägt dies bei ihr aktuell nicht so auf die Stimmung wie bei mir. Das Frühstück bessert bei mir die Situation und so starten wir kurz vor zehn Uhr in den späten Morgen.

Über die Strasse der Hölle, diese heisst wirklich so, führt uns der Weg durchs Dickicht hinauf auf Felder und in Richtung Küste zurück.

Zurück an der Küste entdecken wir kurz vor Mittag an den Klippen eine steile Treppe, die direkt hinunter ans Meer führt. Wir rasten, snacken etwas und deponieren unsere Rucksäcke, bevor wir begeistert die rund zweihundertfünfzig Stufen hinab ans Meer in Angriff nehmen. Unten erwartet uns eine eindrucksvolle Weitsicht auf die Klippen links und rechts. Wir geniessen den Anblick, die Aussicht und schiessen noch zwei, drei Fotos, bevor wir fast schon leichtfüssig wieder hochsteigen. Denn auch wenn unser Gepäck relativ leicht ist, spüren wir den Unterschied dennoch ohne Rucksack. So fühlt es sich schon fast so an, als würden wir, vom Wind getragen, hochfliegen.😉

Am Nachmittag streifen wir durch überraschend schöne Landschaften, die sich von den bisherigen öden Felder deutlich unterscheiden. Wir geniessen die Abwechslung und treffen kurz nach vierzehn Uhr in einem kleinen Küstenort ein, von wo wir heute mit dem Bus eine Strecke von rund zehn Kilometern abkürzen.

Rund zehn Minuten später steigen wir bereits wieder aus dem Bus aus, nehmen die verbleibenden zwei Kilometer in Angriff und treffen auf einem Campingplatz ein. Dort richten wir uns ein, grüssen unsere lauten englischen Nachbarn, gehen einkaufen und lassen uns eine grüne, frische Honigmelone so richtig schmecken.

Den Abend lassen wir auf dem überfüllten Camping mit einem Bier und Pizza ausklingen. Kurz nach neun Uhr abends ziehen wir uns in unser Zelt zurück und schlafen kurz darauf ein.

Am Morgen kaufen wir für die nächsten drei Tage ein und starten mit gepackten Rucksäcken kurz vor halb elf in den Tag. Heute, am Nationalfeiertag der Schweiz, haben wir zwei Nächte Glamping gebucht und freuen uns darauf. So zumindest würden wir das beschreiben, was wir erwarten.

Ausgerüstet mit Proviant wandern wir Wegen entlang, die etwas weiter weg von der Küste liegen. Vorbei an wieder öden Landschaften und tristen Feldern mit zwischendurch romantisch anmutenden Häusern, erreichen wir um halb fünf abends unser Refugium.

Aufgeheizt und verschwitzt durch die Sonne treffen wir am heutigen Ziel ein und werden sofort vom Ehepaar Martine und Stéphane herzlich empfangen. Wir verstehen uns auf Anhieb, plaudern und vergessen fast den Check-in. Stéphane führt uns anschliessend herum und zeigt uns den liebevoll eingerichteten Garten, welcher noch rund sechs weitere Unterkünfte bietet und den sie vor zwei Jahren mit viel Herzblut und fast vollständig selbst erbaut haben.

Wir richten uns ein, duschen, dürfen unsere Kleider waschen und kochen uns zum Abendessen leckere Teigwaren mit Tomatenpesto.

Gegen zehn Uhr schliessen wir den Reissverschluss unseres Glamping-Zeltes und legen uns schlafen.

Der nächste Morgen startet gemächlich. Gegen neun Uhr holen wir unser Frühstück bei Stéphane ab und gehen den Tag langsam an.

Da heute ein Ruhetag ist, wäre grundsätzlich nicht viel Bewegung geplant. So schreibe ich am Vormittag noch etwas Blog und Doris liest. Am frühen Nachmittag wollen wir dennoch noch etwas entdecken und laufen gemütlich die rund vierzig Minuten an die Küste ins nächste Dorf.

Wie in jedem grösseren Dorf an der Küste, ist auch dieses in der aktuellen Hochsaison sehr gut besucht. Uns fällt auf, dass auch dieses wieder ein kleines Casino besitzt, was Doris Augen leuchten lässt, da sie gerne “gambelt” und irgendwann mal Las Vegas besuchen möchte. Doch, wie sie selbst sagt, sei sie dann nicht zu bremsen und ich müsse ihr dann eine Limite vorgeben.

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Mir fallen da spontan zwei Personen ein, die meiner Frau vielleicht Tipps geben können, damit sie nicht gleich zu Beginn ihres Vegas Abenteuers Game over ist 😉 (@Simi & Hagi)

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Später gönne ich mir ein Softeis und geniesse mit Doris unseren Abend am Meer, bis wir am frühen Abend die rund drei Kilometer zu Fuss zurück zu unserem Nachtlager laufen.

Am Abend spüren wir beide, dass sich die Situation bezüglich Wandern und dem Tourismus in dieser Gegend für uns noch nicht wirklich verbessert hat. Wir beschliessen die nächsten Tage etwas ruhiger anzugehen, vermehrt mit dem Bus öde Landstriche zu überspringen, da es einfach zwischen hier und der nächsten Grossstadt nicht wirklich das zu sehen oder erleben gibt, was wir uns vorstellen. So möchten wir dann die Situation neu einschätzen, um allenfalls eine Frist für dieses Unterwegssein zu setzen. Wir werden sehen.

Es ist Montagmorgen. Nach zwei gemütlichen Nächten ziehen wir weiter. Auch heute geht’s wieder weiter abseits der Küste. Durch Wälder über Äcker und Felder, vorbei an Windrädern und alten Bauernhöfen führt es uns nach rund fünfzehn Kilometer in einen Park mit riesigen Bäumen.

Die schattenspendenden Riesen laden ein, um genau hier zu rasten. Doris ist erschöpft und ruht sich mit einem Powernap im Schatten aus, während ich das direkt daneben liegende Anwesen erkunde.

Es handelt sich um ein Schloss mit einem riesigen dahinterliegenden Park, wo Elisabeth von Wittelsbach, besser bekannt als Kaiserin von Österreich, also kurz Sissi, im Sommer des Jahres 1875 mehrere Monate kurte. Heute dient das “Château de Sissi” als Restaurant sowie Hotel.

Ich kehre zurück und wir nehmen die letzten Kilometer in Angriff. Über Asphalt erreichen wir den einstigen Bauernhof, der gleichzeitig auch ein B&B ist und unser heutiges Nachtlager darstellt. Von der Dame des Hofes werden wir herzlich empfangen. Kurz darauf zeigt uns der Gutsherr höchstpersönlich schön gemächlich und in aller Ruhe unser Zimmer sowie den Frühstücksraum, der sich übrigens direkt vor unserem Zimmer befindet.

Nach einer erfrischenden Dusche gönnen wir uns ein kurzes Nickerchen und kochen später im Garten unser Nachtessen.

Der Dienstagmorgen startet sonnig und wolkenlos. Bei unserem Frühstück, unmittelbar vor unserer Zimmertüre, erfahren wir von der Hofdame vieles über die Gegend. So beispielsweise auch, dass diese aktuelle Trockenheit ausserordentlich sei und sie das doch noch nie so erlebt habe, und die Jüngste sei sie ja auch nicht mehr. Normalerweise sei die Normandie eher bekannt für viel Regen, der eher an britisches Wetter erinnert als an südspanische Trockenheit. Dazu finden wir später ein passendes Foto, bei dem alle vier Jahreszeiten markant mit demselben Wetter gekennzeichnet sind und dies normalerweise eher dem normannischen Wetter entspricht.

Später checken wir aus und laufen ins nächste Dorf, um dort auf den Bus zu warten, der uns in die nächste Stadt befördert.

Unterwegs entdecken wir einen der hier typischen Wassertürme, die meist schon von weit her zu sehen sind. Auf französisch sind dies “Château d’eau”. Diese stehen immer am höchsten Punkt eines Gebietes, um so die umliegenden Gebäude eines Dorfes mit frischem Trinkwasser zu versorgen.

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Wie ich später erfahre, sind viele von den rund sechzehntausend Wassertürmen, die in Frankreich noch existieren, intakt und sichern so die tägliche Trinkwasserversorgung in ländlichen Gebieten. Spannend ist dabei, dass die Versorgung rein mittels Lageenergie erfolgt und keine Pumpen notwendig sind. Einzig zum Füllen der Speicher braucht es Pumpen, doch dies erfolgt vorwiegend nachts, wenn der Strompreis tief ist.

Auch wenn dies etwas veraltet erscheint, ist so die Trinkwasserversorgung bei Ausfall von Pumpen weiterhin gewährleistet. Zudem bietet sie der Feuerwehr im Notfall eine riesige Wassermenge, die sofort abrufbereit ist. Denn ein durchschnittlicher Turm fasst zwischen zweihunderttausend bis einer Million Liter Wasser.

Früher dienten die Wassertürme übrigens auch zum Befüllen der Dampflokomotiven, wie beispielsweise der Turm mit dreihunderttausend Litern Fassungsvermögen, der in Metz im nordöstlichen Teil Frankreichs direkt neben dem Bahnhof steht.

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Im Dorf warten wir, bis der Bus einfährt. Die Busse fahren nicht immer ganz so pünktlich wie in der Schweiz. Fünf bis zehn Minuten Verspätung ist, wie wir mit der Zeit bemerken, normal. Auch die Dichte des Busnetzes gleicht eher dem bei uns in den Schweizer-Bergen in abgelegenen Tälern. So fahren meist nur zwei bis drei Busse am Tag. Doch was die Preise angeht, sind diese hier beinahe unschlagbar. Denn mit bereits zwei Euro pro Person kann man auch schon mal in rund neunzig Minuten bis in die nächste Stadt fahren.

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Die Tickets können bequem beim Chauffeur oder direkt in der App “Fairtiq” mit einem Swipe gekauft werden. Ersteres ist übrigens auch der Grund, warum der Bus Verspätung hat. Wir benutzen ausschliesslich die App und müssen feststellen, dass wir nebst dem Wandern auch hier wieder eine Randerscheinung darstellen. Niemand kennt die App. Weder die Chauffeure noch die Mitarbeitenden in den Bahnreisezentren. Was uns dann doch sehr erstaunt, denn das öffentliche Verkehrsnetz der Normandie "Nomad" arbeitet offiziell mit dem Schweizer Start-Up Fairtiq zusammen.

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Trotzdem, als ungültig wird unser Ticket nie betrachtet und wir können problemlos einsteigen und uns in die nächste Stadt aufmachen.

Exakt fünfundvierzig Minuten später stehen wir am Bahnhof von “Fécamp” und steuern auf die Altstadt zu, um uns dort ein leckeres Mittagessen zu gönnen. Gerade noch erwischen wir den letzten Schattenplatz und können entspannt die Mittagspause so richtig geniessen.

Rund eine Stunde später laufen wir im Schatten der Gassen zum nächst grösseren Supermarkt und decken uns mit Proviant ein.

Anschliessend führen uns die Wege in den Wald und dort zu unserem Nachtlager. Diese Nacht haben wir ein Tipi gefunden, welches wir für eine Nacht gemietet haben. Ohne zögern buchten wir dies, denn nach einer gefühlten Ewigkeit sehnen wir uns nach Wald und natürlicher Umgebung.

Im Wald beim Tipi angekommen, geniessen wir die Waldluft und die herrlich anders aussehende Umgebung, die uns, wie wir merken, schon fehlt. Weiter oben entdecken wir in den Baumkronen sogenannte Baumzelte, die ebenfalls zu mieten sind und wir auch sehr spannend finden.

Den Abend geniessen wir im ruhigen und kühlen Wald, richten uns ein und gönnen uns eine leckere kalte Platte zum Abendessen. Wir haben uns sogar echtes IGP Bündnerfleisch besorgt, denn heute ist unser dritter Hochzeitstag und da gönnen wir uns ein bisschen importierte Heimat.

Den Abend lassen wir draussen ausklingen, ziehen uns nach Sonnenuntergang ins Tipi zurück und schlafen bald darauf ein.

Kurz vor Sonnenaufgang werden wir wach und bereiten unser Frühstück zu. Für den heutigen Lunch streicht uns Doris eingeklemmte Brötchen, also Sandwichs, die wir mit den Resten der gestrigen kalten Platte zubereiten.

Etwas später ziehen wir los, laufen zurück in die Stadt und nehmen dort wieder den Bus. Denn auch hier in der Gegend gibt es nicht wirklich viel Spannendes zu Fuss zu sehen. So geht’s mit dem Bus ins bekannte und touristische “Étretat”.

Kurz nach elf Uhr steigen wir aus dem Bus aus und beobachten die Warteschlange, die in den Bus steigen will. Diese Warteschlange ist wie vorhin weiter oben beschrieben der Grund, warum der Bus Verspätung hat, denn beinahe alle müssen noch ein Ticket kaufen.

Wir schlendern durch das kleine Städtchen und steuern auf die Küste zu. Am Strand entdecken wir die markante Felsformation, für welche Étretat eben so bekannt ist. Wir schlendern nordwärts über den Kieselstrand, bei dem ich fasziniert feststelle, dass alle Steine so seidenfein und abgerundet von den Wellen gewaschen sind, wie ich es bisher nirgends sonst gesehen habe. Etwas weg vom Trubel, geniessen wir den Wind, die Wellen, die Aussicht und beissen herzhaft in unsere selbst gestrichenen Sandwichs.

Nach unserem Mittagsrast ziehen wir weiter. Beim Verlassen des Städtchens kaufen wir noch kurz ein und steigen darauf den Hügel hoch, weg vom Tourismus und raus aus dem Trubel, hinein in die langweiligen Landschaften der Felder und Äcker.

Heute Abend übernachten wir bei David im Garten. So haben wir noch etwas mehr als sechs Kilometer vor uns und erreichen am späteren Nachmittag das Tor, an dem zwei markante grüne Hasen thronen. Wir klingeln und warten, bis Davids Gattin uns öffnet. Kurz darauf zeigt uns David, ein Herr Mitte siebzig, seinen Garten, den er für Motorrad-, Velofahrer und Wanderer bereitstellt.

Wir sind erstaunt, was für eine Infrastruktur er da zur Verfügung stellt. Küche, Dusche, Aufenthaltsraum, Billard, Sitzecken und vieles mehr. Mehr Luxus als wir je auf einem Campingplatz bisher gehabt haben. Wir fühlen uns sehr willkommen, denn von Motorhomes, Caravans, Campervans und sonstigen modern fahrenden Häusern ist hier weit und breit nichts zu sehen, denn er bietet diesen Platz nur für Zelte an.

Später bauen wir unser Zelt auf, erfrischen uns und spielen eine runde Billard. Gegen Abend kochen wir. Diesmal verfeinern wir beim Kochen unsere Speisen mit einem Sprühöl, was für uns eine komplette Neuheit ist und die Dosierung im Gegensatz zu Öl aus der Flasche unglaublich vereinfacht. Nach dem Essen spielen wir weitere Runden Billard. Diesmal sind die Spiele jedoch ausgeglichener als beim Tischtennis. Obwohl Doris gut spielt, trifft sie blöderweise einige Male die schwarze Kugel zu früh und so gehen die Partien meistens an mich.

Mittlerweile sind auch noch zwei Herren Mitte zwanzig mit ihren Zelten hinzugekommen. Einer ist mit seinem Auto mit belgischem Kennzeichen unterwegs und der andere mit seinem Fahrrad. Doch sind diese beiden eher für sich und nur kurz im Aufenthaltsraum aufgetaucht.

Kurz nach Sonnenuntergang ziehen wir uns zurück und schlafen bald darauf zufrieden ein.

Heute, Donnerstag, packen wir nach einem leckeren Frühstück mit frischen Früchten, unsere Sachen und steigen kurz nach halb zehn in den Bus, um in die nächstgrössere Stadt nach “Le Havre” zu gelangen. Denn auch auf diesem Abschnitt der Küste entlang schläft uns sonst wieder das Gesicht ein. Zudem wäre es nur ein Abstottern einer Strecke, die sicherlich auch ohne Motivation zu bewältigen wäre, doch das ist ja nicht unser primäres Ziel. Dazu erzähle ich euch im Nachklang weiter unten mehr.

Nach sechzig Minuten Busfahrt - die gerade mal drei Euro und sechzig Cent kostete - steigen wir in “Le Havre” aus dem Bus. Wir sind noch zu früh, um ins vorgebuchte Hotel einzuchecken. So schlendern wir durch die Stadt und entdecken kurz darauf ein Haus eines österreichischen Künstlers, welches sage und schreibe nur hundertdreissig Zentimeter breit ist. Das Haus oder genauer gesagt die skurrile Skulptur nennt sich “Narrow House” und ist eine Nachbildung eines Einfamilienhaus aus den 1960er Jahren. Sie ist rund sechzehn Meter lang, sieben Meter hoch und eben nur hundertdreissig Zentimeter breit. Das Kunstwerk oder anders gesagt, die Absurdität, ist kostenlos begehbar und macht einen sehr klaustrophobischen Eindruck. Denn nicht nur auf den Fotos sieht es so aus, als ob da was verzogen ist, sondern auch real vor Ort hat man das Gefühl, dass da etwas mit der eigenen Wahrnehmung nicht in Ordnung ist. Zurück bleibt ein beengendes Gefühl mit verzogenem Blick 🙃

Am Nachmittag beziehen wir unser Hotelzimmer, welches wir kurz darauf wieder wechseln müssen, denn die Duschbrause gibt auch bei voll offenem Wasserhahn nur leicht tröpfelndes Wasser von sich. Für eine Nacht hätten wir das hingenommen, doch für drei Nächte finden wir das dann doch nicht passend und reklamieren das an der Rezeption, worauf wir ohne Weiteres in ein anderes Zimmer wechseln dürfen.

Am Abend besuchen wir die alten Docks am Hafen und gönnen uns ein Abendessen in einem hiesigen Restaurant. Wo früher Fisch und andere Güter frisch verkauft wurden, steht heute ein renoviertes Dock, in dem sich diverse Läden und Restaurants eingemietet haben.

In den nächsten beiden Tagen wollen wir “Le Havre” entdecken, Kleider waschen und unser weiteres Unterwegssein genauer bestimmen. So auch den Zeitpunkt, ab wann wir etwas ändern wollen, wenn sich die Situation mit dem Tourismus und vor allen Dingen der Landschaft nicht ändert.

Am nächsten Tag, einem Freitag, besorge ich mir neue schwarze Kopfhörer. Denn aus unerfindlichen Gründen ist bei den Alten ein Ohrhörer leiser geworden als der andere. Das ist dann irgendwie ähnlich, wie wenn ich Wasser in einem Ohr habe und so die akustische Wahrnehmung auf einem Ohr stark eingeschränkt ist.

Später schreiben wir Blog, waschen Kleider, entdecken die Stadt und geniessen den Abschluss des Abends mit einem leckeren, süssen Schokomousse.

Der zweite Ruhetag beginnt gemächlich. Wir essen unser Frühstück und Mittagessen im Zimmer, schreiben Blog, lesen, liegen im Bett und verlassen das Zimmer erst am frühen Nachmittag. Zu Fuss geht’s zum Hafen, von wo wir am Vortag eine Hafenrundfahrt mit einem Schiff gebucht haben. Schon beim Kauf wissen wir, dass dies vermutlich eine Touristenattraktion sein wird, dennoch, mich faszinieren die riesigen Containerschiffe, die es auf der Fahrt zu sehen gibt. So gönnen wir uns den Spass und cruisen am Nachmittag mit Captain und vielen anderen “Touris” durch den Hafen.

Es gibt viel Spannendes über den Hafen und die geschichtliche Bedeutung zu erfahren. Ich finde das hörenswert, doch interessieren mich eigentlich nur diese Containerschiffe. Irgendwann erreichen wir den Teil des Hafens, wo diese riesigen Lastschiffe geankert sind. Fasziniert beobachte ich die Kräne, wie sie die klein wirkenden Container sanft auf den schwimmenden Stahlkolossen absetzen. Die Grösse eines solchen Schiffes ist unbeschreiblich. Auch wenn ich nicht wirklich ein Faible für die Nautik habe oder vernarrt in solche Maschinen bin, faszinieren mich diese. Gerne würde ich den grössten Containerhafen Europas - Rotterdam - oder den grössten der Welt - Shanghai - einmal besuchen. Die Krönung wäre natürlich, einmal auf einem voll beladenen Schiff mitfahren zu können. Für Doris bleibt das Ganze ein Rätsel, für mich eigentlich auch, doch dazu unten im Nachklang mehr.

Auf dem Rückweg vom Hafen planen wir noch ein Abendessen in einer Creperie ein. Doch vorher wollen wir noch etwas Sightseeing machen. Eine Altstadt gibt es nicht wirklich mehr und so lassen wir uns durch die Stadt treiben.

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Nach tagelangen schweren Bombenangriffen anfangs September 1944 durch die Royal Air Force wurde die Stadt am 11. September 1944 eingenommen. Die Zahlen des Angriffs sprechen für sich: über zwölftausend zerstörte Gebäude, zweitausend tote Menschen, einunddreissig tausend obdachlose Menschen und mehr als hundertdreissig Bombenangriffe, wobei die massivsten durch das “RAF Bomber Command” erfolgte. Bei den Angriffen wurden über achtzig Prozent der Bausubstanz der Stadt in Grund und Boden zerstört.

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Wir entdecken eine von aussen unscheinbare Kirche und besuchen diese spontan. Drinnen überrascht uns die farbenfrohe, durchflutete Kirche, die rein durch die Sonneneinstrahlung erzeugt wird. Es ist die Kirche “St. Joseph” und eine Gedenkstätte für die Toten bei der Befreiung Frankreichs. Wir nehmen Platz und lassen die Farben, die Stimmung und die Ruhe darin auf uns wirken.

Später geniessen wir leckere und typisch französische “Galettes” mit süssen Crepes zur Nachspeise. Morgen geht’s weiter entlang der Küste. Wir haben für uns definiert, dass wir den Entscheid, die Region zu ändern, noch etwas hinausschieben, da wir nun in eine Region kommen, die geschichtlich spannend ist. So legen wir den Fokus für die nächsten Tage auf Sightseeing und Entdecken der Landungsstrände der Alliierten vom Juni 1944.

D-Day Strände der Normandie

Der Sonntagmorgen startet um sieben. Wir packen, checken aus, und steigen kurz nach zehn Uhr in den Fernbus nach “Ouistreham”. Die Fahrt dauert neunzig Minuten und bringt uns an den östlichen Anfang der D-Day Landungsstrände.

Wieder beziehen wir ein Zimmer in einem Hotel, obwohl uns das eigentlich zuwider ist, in geschlossenen Räumen zu Hausen, bleibt uns für die nächsten Tage keine andere Option. Wir nehmen es, so wie es kommt und geniessen den Nachmittag unten am Meer mit Sightseeing, entdecken erneut einen Fährhafen mit Fähren nach England, beobachten das Treiben einer aktiven Schleuse zwischen Kanal und Meer und geniessen unseren Spaziergang ohne Rucksack.

Am späteren Nachmittag finden wir am Hafen ein “Amusement”, welches in den “Grand Vacances” hier temporär steht. Diverse Spielautomaten säumen den Stand, welche den Spieltrieb von Doris wecken. Sie gönnt sich fünf Euro, um an einem der Automaten zu spielen. Glücklich, auch wenn wir nichts gewonnen haben - wir hätten sowieso keinen Platz im Rucksack - kehren wir zurück zu unserem Hotel, essen unser Abendessen im Aufenthaltsraum und lassen den Abend ausklingen.

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Nachklang

Wie wir die natürliche Umgebung vermissen. Auch wenn wir viel draussen sind, merken wir, dass Draussen-Sein und Natur für uns nicht dasselbe ist. So richtig bewusst wurde uns das, als wir eine Nacht im Wald im Tipi verbracht haben. Wir sind gesättigt mit Felder, Äcker, touristischen Campings, Menschenmassen und sehnen uns nach natürlicher Umgebung.

Aus diesem Grund haben wir uns, bis zur Hälfte unseres Abenteuers, also bis um den Tag fünfundvierzig, eine Gnadenfrist gesetzt. Bis dahin lassen wir die Situation wie bis anhin, doch danach werden wir etwas ändern. Was und wohin, ist zu dem Zeitpunkt unbekannt. Wir merken, dass diese Einstellung uns in der aktuellen Situation Entspannung bringt.

Etappen und Regionen mit dem Bus zu überbrücken oder auszulassen, war von Anfang an klar gesetzt. Denn wenn uns etwas nicht gefällt, wir nicht motiviert sind oder körperlich nicht die Kraft haben, dürfen oder sollen wir dies tun können. Es soll keine Weitwanderung werden, bei der es darum geht, alles zu Fuss zu entdecken, die Motivation herauszufordern oder die Komfortzone zwingend auf ein bestimmtes Niveau zu bringen. Es soll eine Auszeit mit viel Zeit draussen sein, mit wenig Gepäck, gepaart mit Langsamkeit, eine Art Slow-Travel. Eine Weitwanderung können wir später immer noch angehen, Ideen dazu hätten wir bereits.

Unsere Art und Weise, unterwegs zu sein oder die Vorstellung, wie wir leben wollen, zeichnet sich langsam ab. Auch wenn es immer mal wieder Ausschläge in verschiedene Richtungen gibt, festigt sich die Basis. Da hinein passen eigentlich diese Containerschiffe oder eben für was sie im Groben stehen - wie beispielsweise Globalisierung, Materialismus, Kapitalismus etc. - nicht ganz. Und dennoch, faszinieren sie mich! Ich kann aktuell noch nicht genau definieren, was es ist, doch werde ich dies sicherlich noch herausfinden.

Die Reise geht weiter und bleibt spannend. Bis bald und stimmige Grüsse von uns ✌🏼

Doris & Sascha

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