
Rückblick Verussziit
Drei Monate zu Fuss durch vier Länder
📏1’052km, ↗ 15’270m, ↘15’460m, 🗓️07. Juli - 26.September
Letzte Gedanken, Gefühle und Eindrücke von unserer Auszeit draussen
Nach über tausend Kilometern und zweiundachtzig Tagen zu Fuss unterwegs, öffne ich Ende September die Tür zu unserem vorläufigen Zuhause. Die ersten Tage fühlen sich surreal an. Die vier Betonwände, materieller Überfluss und viele andere Dinge reissen uns bereits nach wenigen Tagen aus unserer Bubble heraus. Vieles ist wieder einfach, bequem und sofort verfügbar. Für die einen ein Minimum an Komfort, für andere Luxus.
Wenn der Rucksack zu deinem Zuhause wird
Alle, die bereits mit Rucksack schon länger unterwegs waren - egal ob auf Weitwanderwegen, Mehrtagestouren oder als reisender Rucksacktourist - wissen vielleicht, wie erfüllend es sich anfühlt, wenn alle Gegenstände, die man braucht im Rucksack Platz finden. Es ist für uns sehr faszinierend, wie schnell der Überfluss an Materiellem an Bedeutung verloren hat, wie wichtig die Dinge sind, die man dabei hat und wie unbedeutend die Dinge werden, die irgendwo eingelagert sind.
Eindrücke mit Perspektivenwechsel
[Sascha fragt, Doris antwortet]
S: Was würdest du nicht mehr mitnehmen und warum?
D: Ich bin noch immer erstaunt, wie wenig Kleider ich auf dieser Reise benötigt habe und wie befreiend das war. Obschon ich nach ein paar Tagen in Olten einige Sachen nach Hause gesendet habe, waren drei T-Shirt eines zu viel. Ebenso das zweite Paar Socken hätte ich an Gewicht einsparen können. Und schliesslich bin ich auch dankbar, dass ich die geschenkten Blasenpflaster vergebens mitgetragen habe. Beim vorgängigen Wiegen hielten sich die Grammangaben der einzelnen Stücke in Grenzen, doch im Gesamten summiert sich das Gewicht rasch. Dieses Unterwegssein hat diesbezüglich nochmals mein Bewusstsein geschärft und ich werde in Zukunft zweimal überlegen, was ich wirklich täglich mit mir rumtragen will.
S: Was traf ein, was du nicht für möglich gehalten hast - hat dich erstaunt - und was nimmst du davon mit?
D: Als wir am letzten Tag gute 29 Kilometer mit einigen hundert Höhenmetern gewandert sind und ich keineswegs total erschöpft am Ziel ankam, habe ich mir selbst nochmals deutlich vor Augen geführt, was ich da in den letzten Monaten geleistet habe. Anfänglich hatte ich nämlich bezüglich meiner physischen Belastbarkeit so meine Zweifel. Ich meine, über tausend Kilometer! Mit einem Rucksack am Rücken. Ich? Vor der Reise hätte ich das nicht für möglich gehalten. Doch jetzt lässt es mich stolz zurück. Und ich habe viel über meinen Körper lernen dürfen. Die Kraft, die in mir wohnt. Und genau das will ich mitnehmen. Die Kraft des eigenen Körpers mehr spüren und dem Kopf auch mal eine Pause gönnen.
S: Gibt es Dinge, die du nach diesen drei Monaten anders betrachtest? - Und wenn ja, warum?
D: Meine Komfortzone habe ich definitiv erweitert! Ich habe bereits vor dieser Reise die Einfachheit geliebt, doch wie befreiend weniger Besitz wirklich ist, habe ich während dieser Zeit nochmals auf einem neuen Niveau gelernt. Ich habe jetzt auch einen anderen Bezug zur Natur und dem Draussen-Sein. Nach der Rückkehr habe ich es kaum in vier Wänden ausgehalten und ich musste raus in die Natur - bei jedem Wetter und das ist neu. Auch die Wertschätzung eines Betts, einer Dusche oder eines grossen Badetuchs ist gestiegen. Vieles, was vorher selbstverständlich war, betrachte ich jetzt mit anderen Augen und mit mehr Demut. Und was mich am meisten beeindruckt: Der Verzicht und die Rückkehr zum Unbequemen führt zu einer Senkung der Glücksschwelle und zu einer wohligen inneren Zufriedenheit, die für mich Gold wert ist.
[Doris fragt, Sascha antwortet]
D: Was hast du in diesen drei Monaten über dich selbst gelernt, womit du vorher nicht gerechnet hättest?
S: Dass ein Abenteuer auch direkt vor der Haustüre beginnen kann und nicht irgendwo in einem fernen Land oder fernab der Zivilisation. Dazu muss man lediglich die Dinge weglassen, die einen in der Komfortzone festhalten.
D: Worauf bist du rückwirkend besonders stolz, obwohl es vielleicht von aussen betrachtet gar nicht so spektakulär ist?
S: Das zu machen, was einem Freude bereitet, auch wenn man dabei schräg angesehen wird und mit dem Vorhaben nicht bei allen auf Verständnis stösst. Wie eben beispielsweise unsere “Verussziit”
D: Was hat dich bei diesem Unterwegssein mehr herausgefordert als auf der Via Alpina?
S: Das Unterwegs-sein zu zweit. Ich kenne meine eigene Leistungsgrenze sehr gut und weiss, wann und wo ich wie weit gehen kann, bis ich an meine physischen oder mentalen Grenzen gerate. Auf der Via-Alpina hatte ich diese Verantwortung lediglich für mich alleine. Doch auf diesem Abenteuer waren wir zu zweit unterwegs und es wäre naiv anzunehmen, dass das Komfortzonenmodell von Doris und mir - egal in welchem Bereich - deckungsgleich ist.
Was bleibt und wie weiter...?
Mittlerweile sind wir nun schon knapp vier Wochen wieder zurück. Auch wenn wir nicht in eine reguläre Anstellung oder Wohnung zurückgekehrt sind, hat uns der Alltag irgendwie wieder eingeholt. Doch die Ideen, die uns unterwegs begegnet sind, haben wir nicht losgelassen und weiterverfolgt.
So merken wir, wie uns das nomadische Leben fasziniert und wir dies gerne noch weiter treiben wollen. Dies führt uns zur Idee, unser Leben mobil zu gestalten und unser Hab und Gut auf vier Räder zu verlagern. So bleiben wir maximal mobil und können nomadisch umherziehen. Frei nach unserem Motto: Alles darf, nichts muss!
Ob bleiben oder weiterziehen, drinnen oder draussen, weitwandern oder entspannen, entdecken oder lernen, arbeiten oder eben nicht, wollen wir uns alles offen lassen. Zumindest solange bis unser Budget aufgebraucht ist. Dass wir in einer privilegierten Situation sind, ist uns vollends bewusst. Und genau darum wollen wir dies jetzt tun und nicht abwarten bis irgendwann. Denn bald ist irgendwann nie!
Zahlen und Fun-Facts
Was wäre ein solches Abenteuer, ohne am Ende einige Zahlen und Fun-Facts zusammenzutragen und mit euch zu teilen. Teilweise sind wir von den Dimensionen selbst erstaunt und teils auch etwas verwirrt. Doch beurteilt selbst.
Die Grossen übers Gesamte
⌛Geh-/Wanderdauer - 207 h
📏Distanz - 1’052 km
📅Dauer - 3 Monate
🗺️Länder - 4 Länder (CH, FR, LUX, DE)
↗️Anstieg - 15’270 m
↘️Abstieg - 15’460 m
🚶🏽Wander-/Reisetage - 62 Tage
🏰Sightseeing-Tage - 19 Tage
🛏️Ruhetage - 1 Tag
👣Schritte - 2.94 Mio. Schritte (rund 1.47 Mio pro Person)
🔥Kalorien - 402’000 kcal (rund 201’000kcal pro Person)
⬆️höchster Punkt - 1’160 m.ü.m. (Krummenkreuz-Hütte - Schwarzwald [DE])
⬇️tiefster Punkt - -5 m.ü.m. (am Meer, Hauts-de-France (FR))
💰Ausgaben - 8’399.- CHF (komplett, für zwei Personen)
Die Grössten an einem Wandertag
⌛Wanderdauer - 06:16 h (26. September)
📏Wanderdistanz - 29 km (26. September)
↗️Aufstieg - 950 m (26. September)
↘️Abstieg - 780 m (18. September)
🐇schnellste ⌀-Geschwindigkeit - 6.1 km/h (20. August)
🐌langsamste ⌀-Geschwindigkeit - 2.3 km/h (02. September)
Die Durchschnittlichen pro Wander-/Reisetag
⌛Geh-/Wanderdauer - 03:20 h
📏Geh-/Wanderdistanz - 16.9 km
↗️Aufstieg - 196 m
↘️Abstieg - 200 m
⏱️⌀-Geschwindigkeit - 4.7 km/h
👣Schritte - 38’880 Schritte (rund 17’940 pro Person)
🔥Kalorien - 4880 kcal (rund 2440kcal pro Person)
Die Speziellen übers Gesamte
😅Ausrutscher - 0 mal
🤕Stürze - 0 mal
🪲Zeckenbisse - 1 Stück
👣Blasen - 0 Stück
🌧️Regentage - 3 Tage
😳verlorene Gegenstände - 1 Stück
🎲Glücksspiel-Versuche - 2 mal
🐦Treffer durch Vogelkot - 2 mal
🤝🏼bereichernde Begegnungen - x mal
⛺Draussen - 36 Nächte
🛖in Wohnungen - 16 Nächte
🏠in B&B’s, Gasthöfe - 9 Nächte
🏨in Hotels - 21 Nächte
Nachklang
Diese Art des Reisens, also diese Langsamkeit, bringt etwas sehr Erfüllendes und Bewusstes mit sich. Denn die Präsenz während des Wanderns, sowie das Gefühl, das sich einstellt, wenn man zurückblickt und begreift, was man mit seinen eigenen Füssen geschafft und erlebt hat, ist unbeschreiblich.
So wollen wir auch in Zukunft viel Zeit draussen verbringen und die Welt weiterhin zu Fuss entdecken. Wir nehmen von nun an einfach unser Zuhause mit, gehen auf Entdeckungsreise, machen Wanderungen, lernen und geniessen unsere kostbare Lebenszeit. Wann, ob und wo wir wieder einer regulären Anstellung nachgehen werden, lassen wir aktuell noch offen.
Wir wissen, dass wir damit unser Leben bewusst schwieriger machen. Doch nur so können wir unser Potential entfalten, Freiheit erfahren und Dankbarkeit lernen.
Wir sind nun dabei, unser Leben weiter umzukrempeln und nehmen euch zu einem späteren Zeitpunkt gerne wieder mit auf neue Abenteuer.
Bis dahin, geht raus, denn die Welt liegt uns zu Füssen ✌🏼
Doris & Sascha
